Gesund & Leben - Oktober 2026

„Ein Funke, der einen Flächenbrand entfacht“ Wie entstehen seneszente Zellen und welche Funktion haben sie? Seneszente Zellen entstehen vor allem durch Schäden an unserem Erbgut, der DNA, etwa durch UV-Strahlung, freie Radikale oder durch kürzer werdende Telomere. Diese schützenden „Endkappen“ der Chromosomen werden bei jeder Zellteilung kürzer und können dadurch irgendwann ihre Schutzfunktion verlieren. Diese Veränderungen häufen sich vor allem mit zunehmendem Alter. Auch Chemo- und Strahlentherapie können Seneszenz auslösen. Die Zellen reagieren darauf mit einer Art „Notfallprogramm“: Sie stellen ihr Wachstum ein und verhindern so, dass sich Schäden weiterverbreiten, Zellen mutieren und möglicherweise Krebs entsteht. Gleichzeitig setzen sie Entzündungssignale frei, die das Immunsystem aktivieren, damit sie beseitigt werden können. Mit zunehmendem Alter werden sie jedoch nicht mehr so effizient entfernt. Sie können sich ansammeln und dadurch zu einer Quelle chronischer Entzündungen und Gewebeschäden werden. Seneszente Zellen haben aber auch wichtige Funktionen, etwa bei Entwicklungsprozessen und der Wundheilung. Stellt deren zunehmende Ansammlung im höheren Alter ein Gesundheitsrisiko dar? Ja, definitiv. Seneszente Zellen setzen zahlreiche Signalmoleküle und Enzyme frei, die das umliegende Gewebe verändern, Entzündungen fördern und in benachbarten Zellen ebenfalls Seneszenz auslösen können – vergleichbar mit einem Funken, der einen Flächenbrand entfacht. Dadurch können sie unter anderem zur Entstehung von Arteriosklerose, Osteoporose, Diabetes und Alzheimer beitragen und ein Umfeld schaffen, in dem sich Krebszellen leichter entwickeln können. Studien an Mäusen zeigen, dass die Entfernung seneszenter Zellen die Gesundheit im Alter verbessern und die Lebensspanne der Tiere verlängern kann. Deshalb gilt die zelluläre Seneszenz als vielversprechender Ansatz für künftige präventive und therapeutische Strategien. Wie kann man diese „Zombie-Zellen“ loswerden? Mit sogenannten Senotherapien wird derzeit intensiv daran geforscht, seneszente Zellen gezielt zu beeinflussen. Dabei unterscheidet man zwischen Senomorphika und Senolytika: Senomorphika lassen die Zellen im Gewebe, machen sie aber gewissermaßen unschädlich, etwa indem sie die Ausschüttung von Entzündungsfaktoren blockieren. Senolytika dagegen sollen seneszente Zellen gezielt beseitigen, ohne gesunde Körperzellen zu schädigen. Erste klinische Studien, unter anderem bei Nierenerkrankungen, Lungenfibrose und Diabetes, zeigen vielversprechende Ergebnisse. Allerdings sind Senolytika noch keine Standardtherapie und insbesondere nicht zur Vorbeugung zugelassen. Es ist Vorsicht geboten, denn die Unterscheidung zwischen gesunden und seneszenten Zellen funktioniert in verschiedenen Organen noch nicht zuverlässig genug. Eine dauerhafte präventive Einnahme erscheint daher wenig sinnvoll, da seneszente Zellen etwa bei der Wundheilung wichtige Funktionen haben. Vielversprechender erscheint der sogenannte „Hit-andRun“-Ansatz: Die angesammelten seneszenten Zellen werden über einen kurzen Zeitraum gezielt beseitigt. Nach einer Pause kann die Behandlung wiederholt werden, sobald sich erneut seneszente Zellen im Gewebe gebildet haben. Dr. Markus Schosserer ist Molekularbiologe und Forschungsgruppenleiter am Institut für Medizinische Genetik der MedUni Wien. Er forscht zu Altersprozessen und zellulärer Seneszenz. Schosserer. Auch die Abwehr kann nachlassen: Sind Immunzellen geschädigt oder geraten unter Stress, steigt die Anfälligkeit für Infektionen. Ein weiteres typisches Zeichen ist der Verlust von Muskelmasse und Kraft, wenn die Muskelzellen ihre Funktion zunehmend einbüßen. Auch das Nervensystem kann betroffen sein: „Geschädigte oder gestresste Zellen können kognitive Beeinträchtigungen wie Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme oder geistige Abgeschlagenheit hervorrufen“, so Schosserer. ZELLEN IM RUHESTAND Langfristig können Störungen der Zellfunktion zur Entstehung verschiedener altersbedingter Erkrankungen beitragen. Doch was passiert eigentlich mit Zellen, wenn sie geschädigt sind und sich nicht WENN ZELLEN NACHLASSEN Welche Bedeutung mitochondriale Funktionsstörungen für die Gesundheit haben, wurde erst in jüngerer Zeit erkannt. Heute weiß man, dass eine beeinträchtigte Funktion dieser kleinen Zellkraftwerke bei zahlreichen chronischen Erkrankungen eine Rolle spielen kann – etwa bei Parkinson und Alzheimer, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, chronischen Entzündungserkrankungen sowie beim Chronischen Fatiguesyndrom (ME/CFS) und Post-Covid. Wenn Zellen geschädigt werden oder mit zunehmendem Alter an Funktion verlieren, kann sich das auch im Alltag bemerkbar machen. Ein typisches Beispiel ist die nachlassende Regenerationsfähigkeit: „Wunden heilen bei älteren Menschen langsamer, weil sich die Hautzellen weniger schnell erneuern“, sagt 20 LONGEVITY

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